Bargeld lacht am längsten

Foto: Deutsche Bundesbank

Da weiß man, was man hat. (Foto: Deutsche Bundesbank)

Vielleicht etwas skurril, wenn sich „ausgerechnet“ auf Bargeldlosblog ein flammendes Plädoyer für Schein und Münze findet, aber die aktuelle Diskussion um die Abschaffung von Bargeld ist doch zu possierlich, um sie unkommentiert durchs Dorf ziehen zu lassen.

Die Dänen haben mit ihrer Ankündigung, ab Ende 2016 keine Banknoten mehr von der Zentralbank drucken zu lassen und Einzelhändlern freizustellen, ob sie Bargeld akzeptieren, die Debatte ins Rolle gebracht.

Peter Bofinger, seines Zeichens Wirtschaftsweiser, machte entsprechende Überlegungen dann in einem Spiegel-Gespräch auch hierzulande salonfähig. „Anachronistisch“ seien Geldschein und Cent-Stück. Drogenhandel und Schwarzarbeit ließen sich flugs trocken legen, wenn denn der 500-Schein erst Geschichte ist, so die steile These des Professors.

Bei Mastercard und Visa hat man vor Glück geweint, angesichts solcher Schützenhilfe aus dem Elfenbeinturm im „War against cash“. Bislang zahlten Kreditkartengesellschaften gutes Geld für Universitätsstudien, um die „Kosten des Bargelds“ anzuprangern.

Nun erheben sich inzwischen auch ein paar kritische Stimmen, die auf Datenschutzprobleme in einer bargeldlosen Gesellschaft hinweisen. Jede Kartenzahlung, eine elektronische Spur: Transaktionshöhe, Akzeptanzstelle, Einkaufsort und -zeit – alles schön dokumentiert.

Neben dem Datenschutzaspekt halte ich aber vor allem zwei weitere Aspekte für problematisch: Wer soll die ganzen elektronischen Bezahltransaktionen denn abwickeln? Die etablierten Kreditkartengesellschaften? Alle Macht für Mastercard und Visa? Ein staatlich finanziertes und kontrolliertes E-Geldsystem der EZB? Und zweitens: Wie steht es mit der Sicherheit – in Bezug auf Systemausfälle sowie gegen Betrug und Manipulation?

Das Girocard-System der Deutschen Kreditwirtschaft bricht bekanntlich mit schöner Regelmäßigkeit zusammen. Für Händler ist das elektronische Lastschriftverfahren (ELV) längst ein „Must have“-Backup-System für solche Fälle. Und selbst ein auf Dezentralität setzendes System wie die virtuelle Währung Bitcoins zeigt, dass es immer wieder zu „Einbrüchen“ kommt. Wenn die Leute in der Krise nicht zum Bargeldautomaten laufen können, gibt es Chaos und Bürgerkrieg – binnen kürzester Zeit.

Daher, liebe Bargeldabschaffer, sei Euch sinngemäß an die Weissagung der Cree gemahnt:

„Erst wenn das letzte IT-System zusammengebrochen ist, werdet Ihr merken, dass man Kreditkarten und Bitcoins nicht essen kann“.

Aus Sicht des Handels kann man noch ergänzen, dass das Bargeld das günstigste Zahlverfahren ist. Auch deshalb werden immer noch 53,3 Prozent der Umsätze im Handel in Deutschland cash erlöst (EHI) und 79 Prozent aller Transaktionen, laut Bundesbank-Studie. Manche Händler sprechen von Bargeldkosten in Höhe von 0,14 Prozent vom Umsatz, andere von 0,049 Prozent. Sicher, Bargeld ist staatlich subventioniert, aber das ist ja auch gut so. Ein hoheitliches E-Geldsystem müsste ja auch bezahlt werden und müsste sich gegen Stromausfälle versichern. 🙂

Es ist also ganz beruhigend, dass Bofinger mit seiner Idee ziemlich allein dasteht.

(Update/Einschub 31.5./1.6.): Die Diskussion nimmt in unserem Zeitalter der Informationsinflation allerdings gerade erst noch an Fahrt auf mit Umfragen, Kommentaren und Artikeln zum Thema Bargeld-Abschaffen. Hier noch die ehrwürdige FAZ. Obwohl der für Bargeld zuständige Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele laut Spiegel Entwarnung gab: „Jeder sollte bezahlen können, wie er will“, so Thiele.

Der Fluch des Online-Journalismus: der Print-Redakteur sagt, „das Thema ist ausgeschrieben“, der Onliner sagt, „das drehen wir weiter, das klickt. Schnell noch ein Ranking, eine Bildergalerie, ein neues Zitat auf die Seite. Click is king. (Update/Einschub Ende)

P.S.: Kleiner Nachtrag noch zur strategischen Relevanz der Zahlungsverkehrsinfrastruktur: Russland baut gerade ein eigenes Payment-Scheme auf, um unabhängig von Mastercard und Visa zu sein, wenn man „The Moscow Times“ glauben darf. „Mir“ (Friede/Welt), soll es wohl heißen, denn „Mir san mir“, nicht wahr?

Ansonsten noch zwei Leseempfehlungen für das Pfingstwochenende:

(1) Erstmals gibt es offizielles zu „Paydirekt“, dem Möchtegern-PayPal-Konkurrent der deutschen Kreditwirtschaft. Thomas Ullrich, Vorstand der DZ Bank, äußert sich in der Welt am Sonntag zu dem lastschriftbasierten Verfahren, dass im November starten soll. Wer sich nicht äußerte, brachte Redakteur Karsten Seibel zudem hier in die Welt. 🙂

Die Hintergrundinformation zum gescheiterten Interview mit den GIMB-Geschäftsführern verdeutlicht mal wieder, wie schwer sich die Fürstentümer der deutschen Kreditwirtschaft mit gemeinsamen Innovationen tun. Von Regulierung und Kartellamt gefesselt und internen Eitelkeiten und Eifersüchteleien gebremst, stolpert sie dahin. Girogo: gescheitert, „Girocard kontaktlos“: ein verkappter Mastercard Paypass-Klon. Girocard: Zukunft offen. Man steckt den Kopf in den Sand und hofft, die Regulierung geht an der Girocard vorbei.

Ich weiß nicht, warum ich bei dem Namen des Betreiberunternehmens von „Paydirekt“, der „Gesellschaft für Internet und mobiles Bezahlungen (GIMB)“, reflexartig an „Bring out the Gimp“ aus Pulp Fiction denken und lachen muss.

(2) Die EBA hat die Übersicht zur Umsetzung ihrer Leitlinien in Europa veröffentlicht. UK ist nicht dabei, Luxemburg zumindest offiziell. Am 1. August soll es darüber hinaus Leitlinien für die PSD II von der EBA geben. Die europäische Bankaufsicht geht von einer Inkraftsetzung 2018/19 aus.

Update 15.10.2015: „Hat Bargeld noch Zukunft?“, dieser Frage geht der für Zahlungsverkehr zuständige Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele in einer ausführlichen Rede auf einer Veranstaltung der Oesophagus Stiftung nach.

Sein Fazit: „Als Bundesbank vertreten wir die Auffassung, dass wir den Bürgerinnen und Bürgern keine Vorschriften bei der Wahl ihrer Zahlungsinstrumente machen möchten. Ihnen soll vielmehr ein Mix an sicheren und effizienten Zahlungsinstrumenten zur Verfügung stehen, aus dem sie frei nach ihren Präferenzen wählen können. Bargeld ist ein Bestandteil dieses Zahlungsmittelmixes und wird es auch in der digitalisierten Welt von morgen bleiben.“

Update 14.2.2016: Zur Bargeld-Abschaffen-Debatte war im letzten Jahr (s.o.) eigentlich schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Es ist IMHO bezeichnet für den Zustand des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland, welch ein Wind um die nun erneut entbrannte Diskussionen zur (a.) etwaigen Abschaffung des 500-Euro-Scheins, (b.) Einführung einer Bargeld-Obergrenze von 5.000 Euro und (c.) Notwendigkeit von 1- und 2-Cent-Münzen von den führenden Wirtschaftsblättern in diesen Wochen gemacht wird. Da geht es munter durcheinander und es wird so getan, als ob irgendjemand von Relevanz* tatsächlich die vollständige Abschaffung des Bargelds fordern oder planen würde. (etwa um Negativzinsen durchsetzen zu können zB, huihuihui!). Dass die BILD-Zeitung dazu eine „Volksaufstands-Kampagne“ führt, sei ihrem Geschäftsmodell geschuldet (wird hier absichtlich nicht verlinkt).

Drei Stimmen von Relevanz zur Bargeld-Debatte:

Benoît Cœuré, Mitglied des Direktoriums der EZB, im Interview mit der Rheinischen Post: „Mir ist wichtig zu sagen: Das bedeutet nicht, dass wir Bargeld generell abschaffen wollen. Bargeld ist elementar für unser tägliches Leben.“

Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank, im Interview mit der FAZ: „Wir wollen den Bürgern die Zahlungsart ermöglichen, die sie sich wünschen.“

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister, im Interview mit dem Deutschlandfunk: „Eine völlige Abschaffung des Bargeldes, so lange die Menschen auch Geld anfassen wollen, das, finde ich, sollten wir wirklich nicht machen. Und nochmals deutlicher aus der NZZ zitiert: „Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Michel Sapin zu den treibenden Kräften des Obergrenzen-Vorstosses gehört, klagte vor Journalisten, es sei eine «völlig missverständliche Diskussion entstanden». Niemand wolle das Bargeld abschaffen, rief er aus.“

Mehr muss man zu den angebliche Plänen, Bargeld abzuschaffen nicht gehört oder gelesen haben.

* ok, mit Ausnahme von Ken Rogoff, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds.

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3 Gedanken zu „Bargeld lacht am längsten

  1. Ich bezweifle das Bargeld billiger ist als Bitcoins bezüglich Handlingkosten. Und warum Kreditkarten, Debitkarten sind genauso gut, wo heute eh alles online ist. Ich will auch kein Visa oder Mastercard Imperium, die Blutegel verdienen heute schon zuviel. Aber Blockchain Technologie sehr gerne damit wird Geld wieder zum reinen Zahlungsmittel und nicht mehr zum politischen Instrument, dann wäre solche Politik a la EU unmöglich (wo der Steuerzahler die Rechnungen für die Amateure in Brüssel bezahlt)

  2. Pingback: Konstruierte Bargelddebatte um 5.000 Euro-Grenze und 500 Euro-Schein

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