Lidl nimmt Kreditkarten, Aldi zieht nach

Kinderleicht: Kreditkarten lohnen sich offenbar für Lidl. (Foto: Lidl)

Kreditkarten lohnen sich offenbar für Lidl. (Foto: Lidl)

Die Regulierung der Kartengebühren zeigt Wirkung, die letzten weißen Flecken im deutschen Handel schließen sich. Seit Februar dieses Jahres kann bei Media Markt und Saturn mit Mastercard und Visa bezahlt werden. Und gestern kam es dann Knall auf Fall: Der 19. Juni 2015 ist ein historischer Meilenstein auf der Landkarte der Kreditkartenakzeptanz in Deutschland. Die Discounter sind da.

Um 14:00 Uhr veröffentlichte Kaufland eine Pressemitteilung. In den 640 Filialen des Großflächen-Discounters werden ab dem 1. Juli 2015 Kreditkarten von Mastercard und Visa akzeptiert.

Um 14:21 Uhr meldete auch die Schwarz-Konzern-Schwester Lidl, dass ab dem 1. Juli Kreditkarten von Mastercard und Visa entgegengenommen werden.

Geradezu reflexartig hieß es um 16:42 Uhr dann auch aus Mülheim: „Die Unternehmensgruppen Aldi Nord und Aldi Süd führen bundesweit Visa und Mastercard Kreditkartenzahlungen ein. Die Kreditkartenzahlung wird schrittweise ab 1. Juli 2015 eingeführt und steht spätestens ab 1. September 2015 in allen Aldi-Filialen zur Verfügung.“ (hier die Pressemitteilung)

Ältere Semester erinnern sich noch gut: 2003 führte Lidl ziemlich spät das Bezahlen mit der EC-Karte ein, die heute gerne „Girocard“ genannt werden möchte. 2005 zog Aldi nach. Für die jüngeren Semester: Früher ging Vati 3x zum Geldautomaten, bevor man sich in die morgendliche Schlange stellte, um hoffentlich einen der sagenumwobenen Aldi-PCs erwerben zu können. Hach, those were the days, my friend.

Diesmal dauerte es nur wenige Stunden mit dem Gleichziehen, die Verträge lagen mit längst getrockneter Tinte in der Schublade. Damals 2003/5 hatte die WestLB große Anteile daran, die Discounter ins Boot zu holen, indem man den kostenbewussten Händlern bei den Kartengebühren kräftig entgegenkam.

MIF-Regulierung bringt Kalkulationssicherheit

Auch diesmal sind die Gebühren für die Entscheidungen in Ingolstadt, Neckarsulm und Mülheim verantwortlich. Nachdem seit diesem Frühjahr bekannt ist, dass das Niveau der Interbankenentgelte mit der europäischen MIF-Regulierung ab dem 9. Dezember 2015 gesetzlich auf 0,3 Prozent vom Umsatz für Kreditkarten festgelegt wird, gibt es für Händler und Acquirer eine klare Kalkulationsbasis. „Kreditkarten? Lohnt sich“, sagt man sich bei Lidl, Aldi und der Media-Saturn-Holding (MSH) danach offenbar.

MSH hat, wie man in der LZ lesen konnte, direkt mit Mastercard verhandelt, ganz ohne Acquirer. Das versuchen multinationale Händler wie Ikea seit Jahren. Der Deal direkt mit dem Scheme. Der Acquirer, als Vertragsmittler und Schnittstelle der Kartenorganisation zum Markt, erhält noch das, was er zum Überleben braucht – mehr nicht. Die Luft in der Wertschöpfungskette wird durch die MIF-Regulierung natürlich dünner. Eine Konsolidierung auf europäischem bzw. globalem Niveau steht der Branche der Zahlungsdienstleister ins Haus. Dabei wird es helfen, wenn man auch in der neuen Welt, im ePayment, zu den großen Jungs im Sandkasten gehört.

Aldi macht den zweiten Schritt vor dem ersten

Aldi macht also den zweiten Schritt, an den ich vor wenigen Tagen (hier) zugegebenermaßen noch nicht glauben wollte. Die Welt dreht sich mal wieder schneller als gedacht. Erst die NFC-Akzeptanz hinausposaunen und dann kurze Zeit später die passenden Karten dazu auszuspielen, bleibt kommunikativ betrachtet freilich etwas holprig. Aber sehr wahrscheinlich lassen sich die Mülheimer auch jede Pressemitteilungen von ihren Dienstleitern extra vergüten. 🙂

Ob der Durchbruch der Kreditkartenakzeptanz bei den beiden marktführenden Discountern nun auch schon ein Vorzeichen für den kommenden Siegeszug von Apple Pay und mPayment ist, wie viele hoffen und herbeischreiben? Ich habe schon zu oft vom bevorstehenden Durchbruch des Mobile Payments gelesen und leider auch geschrieben, als das ich noch daran glauben würde. Aber auch diesbezüglich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Bislang stagnieren die Umsätze mit Kreditkarten im deutschen Einzelhandel laut den Zahlen von EHI-Experte und Payment-Papst Horst Rüter seit Jahren um die Marke von 5 Prozent des Gesamtumsatzes. Daran hat auch die Kreditkartenakzeptanz bei den großen Vollsortimenter im LEH in den vergangenen Jahren nichts geändert. Auch deshalb sollte man die Erwartungen nicht zu hoch hängen und den Einzug der Kreditkarten bei den Discountern nicht überbewerten. Der Deutsche liebt Bargeld und seine EC-Karte. Andererseits gibt es natürlich nun neue Opitionen für mehr Wettbewerb im Kartenmarkt.

Vorzeichen für den Siegeszug von Apple Pay & Co.?

Mag sein, dass Apple auch hier mal wieder den „Game Changer“ gibt und ggfs. gemeinsam mit Google Pay die Welt des Bezahlens am POS revolutioniert. Mir graut längst vor dieser Entwicklung zu unregulierbaren Monopolen und zur Sharky Economy in der real existierenden, digitalen Welt. (Kleiner Einschub: Wird die EU-Kommission Google Marktmachtmissbrauch zB bei Preissuchmaschinen a.) nachweisen b.) untersagen können? So wie noch einst im Mai Microsoft den obligatorischen Internet Explorer?) Demnächst läuft nicht nur „unsere“ Musik, sondern auch noch unser aller Gehaltskonto über Apple oder Google und wir finden das alle ganz toll und sooo praktisch. Dann brauchen die kein Mastercard oder Visa und wir keine Spaßkasse mehr, aber das ist eine andere Geschichte – zurück zu NFC-Karten… 🙂

NFC? Wer kann den das heute schon?

Tchibo reagiert auf den NFC-Boom: Secure Wallet - im Garten vergraben hilft sie gegen Maulwürfe.

Tchibo reagiert auf den NFC-Boom: Secure Wallet – im Garten vergraben schützt sie vor Maulwürfen und Buchsbaumzünslern.

Kontaktlose NFC-Mastercard-Banken in Deutschland gibt es hier zu besichtigen. Nach meinem letzten Erinnerungsstand sind in Deutschland rund 1,5 Mio. NFC-Karten von Mastercard im Umlauf. Inzwischen dürften es ein paar 100.000 mehr sein. Es lohnte sich für die Banken bislang kaum, die Mehrkosten für eine NFC-Karte zu investieren, wenn der Kunde nirgends damit kontaktlos zahlen kann. Dieses Henne-Ei-Problem hat der Handel nun gelöst.

Visa muss demnächst mal die Website mit den NFC-Akzeptanzstellen in Deutschland überarbeiten. Die Anzahl der Visa-NFC-Kreditkarten betrug nach Unternehmensangaben 2,7 Mio. in Deutschland (Stand 12/2014). Die Issuer: BW-Bank, comdirect, DKB, LandesBank Berlin, TARGOBANK, Volkswagen Bank und Postbank.Visa spielte bei dem Thema hierzulande bislang eher aus der Hinterhand. Und ließ Mastercard das (Infrastrukturvorbereitungs-)Spiel machen.

Kurzer Rant zum Schluss: Das Bundeskartellamt, dass das Beschwerdeverfahren des HDE gegen Mastercard und Visa zehn (!) Jahre lang in der Schublade verstauben ließ, hat nach dem Gircocard-Fall nun auch die Kreditkarten-Akte ohne Konsequenzen – sprich: Beschluss – zugeklappt, wie es vergangene Woche mitteilte („Hoppala, da hatten wir doch auch noch was im Schrank!“).

Aufgrund der kommenden Regulierung sei das Verfahren ja nun obsolet, heißt es sinngemäß im Fallbericht. Das ist schon ein starkes Stück. Schließlich geht es um Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe für sämtliche Kreditkartenakzeptanten in Deutschland. Die Forderungen gerichtlich geltend zu machen wird nun schwierig, ohne amtliche Feststellung, dass die Interbankenentgelte rechtswidrig waren.

Letzteres ist inzwischen schließlich herrschende Meinung in den Wettbewerbsbehörden auf der ganzen Welt und insbesondere denen in Brüssel und Umgebung. Dem deutschen Kartellamt, ansonsten gerne Pionier (s. Asics, HRS & Co.) und Musterschüler von USA und UK (Vertikal-Fall), fehlte dazu der Mut – oder Wille.

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3 Gedanken zu „Lidl nimmt Kreditkarten, Aldi zieht nach

  1. Comdirect gibt ausschließlich funkende Visa Karten heraus. Meine wurde schon vor mindestens 2,5 Jahren durch eine mit NFC ersetzt. Von anderen Banken habe ich ähnliches gehört. Da sollten also auch schon einige im Umlauf sein.

  2. NFC-Karten gibt es auch virtuell als Android-App bei der Telekom (mywallet.com). Damit bezahle ich z.B. bei Karstadt schon seit über einem Jahr. Geht völlig problemlos (das einzige Problem ist gelegentlich, die Kassenkraft davon zu überzeugen, die „ZVT“-Taste auf der Kasse zu drücken – um das Terminal zu aktivieren -, ohne dass man eine reale Karte vorzeigt).

  3. Insbesondere im Hinblick darauf, dass Aldi bisher nicht einmal in den USA, dem Land – der Kreditkarten – die Zahlung per Kreditkarte (lediglich Debit Karten) erlaubt hat, ist das wirklich eine sehr überraschende, aber höchst erfreuliche Neuigkeit!.

    Wie viel einfacher NFC Zahlung das Leben machen kann sieht man sehr schön in London: In der Mehrheit der Läden kann man per NFC Karte zahlen, und selbst für die öffentlichen Verkehrsmittel benötigt man keine Tickets mehr. Einfach mit NFC Kredit/Debit Karte ein- und auschecken, und nur die gefahrene Strecke wird abgebucht. Zusätzlich sind die Tages- und Wochenhöchstbeträge gedeckelt, so dass man sich keine Gedanken mehr machen muss, ob denn nicht ein Tages- oder Wochenticket günstiger wäre als die Einzelfahrten. Läuft alles automatisch. Sehr Kundenfreundlich, schnell und einfach!

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