Paydirekts prohibitive Preispolitik

Paydirekt

Paydirekt: Bislang ein Zahlverfahren in der Süßwaren- und Knabbernische.

Paydirekt ist bislang kein Onlinezahlverfahren, sondern eine Nischenanwendung von 30 Webshops. Für große Händler ist die Internet-Bezahlmethode der Deutschen Kreditwirtschaft aufgrund unattraktiver Gebühren uninteressant, wie der Bank-Blog in diesem Beitrag verdeutlicht.

Warum Paydirekt auch bei kleinen E-Commerce-Anbietern nicht zum Einsatz kommt, veranschaulichen die Ergebnisse unserer Umfrage. BargeldlosBlog veröffentlicht erstmals Gebührenvorstellungen der Paydirekt-Banken im KMU-Bereich und zeigt, warum von einem Vertrieb eigentlich noch gar nicht gesprochen werden kann. Die Preisstellung von Paydirekt ist prohibitiv, das Neukundenmanagement eine verlassene Servicewüste.

Doch mit Hilfe von „Task Forces“ der Kreditwirtschaft soll nun Alles besser werden.

Allzu viele Interessenten habe sich auf unseren Aufruf, Erfahrungen mit Paydirekt zu schildern, zugegebenermaßen nicht gemeldet. Mit der Anzahl der aktiven Händler kann sich BargeldlosBlog allerdings durchaus messen, insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass die meisten der 30 Paydirekt-Partner – von Ahrtalshop über die Markenmall bis hin zu Seba Med –  nach wie vor von einem Fulfilment-Dienstleister, „Office Direkt“, entstammen.

Die Rückmeldungen bestätigen den Eindruck, den das Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Kreditwirtschaft bisher auch sonst abgibt: Unausgereift, chaotisch, weit entfernt von Markt und Kunden.

Eine typische „Kunden“-Erfahrung aus der Umfrage:

„Ich habe mal anhand https://www.paydirekt.de/haendler/merchant-api.html ausprobieren wollen, ob ich die Schnittstelle in meinen Shop integrieren kann. Anfrage an Paydirekt, ob ich dafür einen Testzugang („Sandbox“) haben könnte. Antwort: „Nein, da müssen Sie erst den Händlervertrag über Ihre Hausbank abschließen.“ (der hat 16 Seiten zum Ausfüllen!). Anfrage an Hausbank (Anmerk. d. Verf. namentlich benannt, hier weggelassen). Antwort: „Wir haben derzeit nur ein paar Pilotanwender und machen noch keine Verträge und wissen daher auch noch keine Konditionen.“

Ich kann das Zeug also momentan weder ausprobieren, noch weiß ich was es kostet, noch wann es überhaupt jemals einsetzbar sein wird.

So kann das ja nix werden. Ich hab mich jetzt mal bei Amazon Payments angemeldet, da ging alles über die Website, nach ein paar Tagen waren alle Anmeldeformalitäten erledigt, es gibt Sandbox-Demo-Kennungen zum Ausprobieren… *so* muss das funktionieren!“

Kein Anschluss unter dieser Nummer…

In ähnlicher Weise schildern viele Händler ihre „Nicht-Erfahrungen“. Mangels Ansprechpartner oder Interesse auf Seiten von Paydirekt bzw. der Banken, brechen viele ihre Bemühungen ab, lange bevor es überhaupt um konkrete Gebühren oder die technische Integration in den Shop geht.

„Wenn wir von vorneherein gewusst hätten, was für ein Aufwand damit verbunden ist, hätten wir es nicht gemacht“, so der IT-Verantwortliche eines großen Shops, der Vertragsverhandlungen und Integration abgeschlossen hat, das Verfahren aufgrund von vorrangigen Projekten im Shop aber noch nicht live schaltet.

Auch Verbändevertreter, wichtige Multiplikatoren, die sich für ihre Mitglieder einen Überblick über neue Angebote verschaffen wollen, laufen mit ihren Anfragen ins Leere. Kein Feedback, kein Interesse. Es gibt offensichtlich bisher überhaupt keinen wirklichen Vertrieb, weder aktiv noch passiv. Wunderlich, warum man mit dem Produkt überhaupt schon auf den Markt gezogen ist und Nutzer einwirbt. Deren Enttäuschung („Und was soll das jetzt?“) ist angesichts der verschwindend geringen Anzahl von Einkaufsmöglichkeiten vorhersehbar.

„Wir werden den Fehler nicht noch einmal wiederholen, und Dritten den Kontakt zum Händler überlassen“, betonte Ottmar Bloching, neuer DSV-Geschäftsführer auf dem Bankkartenforum im Herbst 2015 mit Blick auf das Versäumnis, den Girocard-Vertrieb 1874 den EC-Cash-Netzbetreibern zu überlassen. Diesen strategischen Fehler, beteuerte Bloching, wolle man im ePayment-Bereich nicht wiederholen. Deshalb soll die S-Finanzgruppe mit Payone (für die dicken Fische) und Giro Solution (für die kleinen Fische) im PSP-Markt aktiv sein.

Spießroutenlauf für Paydirekt-Interessenten

In puncto Paydirekt müsste Rom da aber zuvor erst noch erbaut werden. Interessenten schildern den Weg zu einem ernsthaften Angebot durchweg als mühseligen „Spießroutenlauf“. Ausgerechnet die Targobank beispielsweise, die Eigentümer, Namen und Strategie in den letzten Jahren schneller wechselte als andere ihr Shopsystem, soll Ansprechpartner für die kleinen Privatbanken im BdB sein. „Die haben im Grunde gar keinen Geschäftskundenbereich“, wundert sich ein Händler.

Wer den Spießroutenlauf dennoch auf sich nimmt, erhält am Ende ein Angebot nach dem „Alles oder Nichts“-Prinzip. Das heißt, wenn eine Bank – aus welchen Gründen auch immer – aus dem Rahmen fällt, dann kann man sich den Händlervertrag über das Bett hängen oder der Rundablage anvertrauen. Ein Beispiel aus dem wahren Leben. Man achte auf die UniCredit Bank:

PaydirektPreiseIch habe die Konditionen auf Bitten des Einsenders ganz leicht verändert, damit die Quelle nicht zurückverfolgt werden kann. So viele Angebote haben die Banken offensichtlich noch nicht ausgearbeitet, Rückschlüsse dürften ihnen daher leicht fallen.

Weitere Negativ-Erfahrungen mit fehlenden Paydirekt-Ansprechpartnern finden sich auch in den Kommentaren zu diesem Blog-Post.

Handlungsbedarf an der Händlerfront

Dass es mit der Händlerakquise bei Paydirekt so nicht weitergehen kann, hat man offenbar auch bei den Projekt-Betreibern erkannt: „Vertriebliche Herausforderungen auf Händlerseite sind zeitnah mit konkreten Maßnahmen zu adressieren“, heißt es vielsagend in der Präsentation zum „Vorstandscall – Fokusthema Händler“, die BargeldlosBlog vorliegt und mit dem Vermerk „Burn Before Reading“ „Streng vertraulich – Alle Inhalte vorbehaltlich kartellrechtlicher Prüfung“ versehen ist.

Paydirekt Masterplan PayPal kann einpacken. Den Verantwortlichen in Dreilinden schlottern sicher wechselweise Knie und Gebiss, wenn sie vom „optimalem Media-Mix“ und der Eroberung der „Zielhändler Top50“ lesen. Paydirekt strebt ernsthaft eine „marktkonforme Preisstellung“ an und erkennt, dass die „Prozesse über alle Ebenen (Entgelt/Vertrag/Implementierung) nicht stringent und einheitlich umgesetzt“ sind. Besser hätten schärfste Kritiker es nicht formulieren können, rund vier Monate nach dem „Go live“, zwei Jahre nach Gründung der Stadt Rom GIMB. Die 250.000 registrierten Paydirekt-„Nutzer“ sind nur Beta-Tester. 😉

Task Forces sollen Paydirekt retten

Nun sollen die Task Forces „Händler-Akquisition“ und „Zentrale Prozessvorgaben und Vertriebssupport“ den Karren auf die Straße schieben. Wenn man das fünfseitige Papier überfliegt, reibt man sich die Augen und fragt sich, was die da eigentlich Monate lang getrieben haben und mit welchem Selbstbewusstsein Banken ins Endkundenmarketing und an die Öffentlichkeit marschieren, während im Maschinenraum noch über das Grundkonzept debattiert wird.

Pflichtenheft der ersten Task Force unter dem „Lead“ der Commerzbank: Jede Bank wählt „3 Ziel-Händler aus den Top 50 mit dem Commitment für die Akquisition“. „25 Leuchtturmhändler bis spätestens Jahresende 2016 live“, „Verzielung des Commitments sicherstellen“. (Entschuldigung, ich muss mir eben die Lachtränen aus den Augen wischen).

Pflichtenheft der zweiten Task Force unter dem „Lead“ der Deutschen Bank: „Prozesse für Entgelt/Vertragsschluss und Onboarding aus Händlersicht überarbeiten & verbindlich vorgeben“, „Definition von Händler Marketingmaßnahmen“ und ähnlicher Unsinn bzw. Selbstverständlichkeiten in Power-Point-Floskeln.

Parallel dazu sollen sich Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken weiterhin um die „Task Forces Händlerkonzentrator/PSP“ kümmern. Denn man tau.

Fazit

Ich wünsche Paydirekt den Erfolg. Mehr Wettbewerb im ePayment freut Handel und Kunden. Aber man kann nur staunend den Kopf schütteln, wie … das Projekt bisher von den Banken angegangen wird. Offenbar hofft man, die Händler mit gewaltigen Nutzerzahlen von der Notwendigkeit und/oder Attraktivität eines weiteren ePayment-Verfahren überzeugen zu können. Oder mit „Leuchtturmhändlern“ den rechten Weg zu weisen.

Ich glaube nicht, dass diese Rechnung aufgeht und bin gespannt darauf, was sich die ersten PSP wie Payone nun zu Paydirekt einfallen lassen und wie sie ihre Kunden für die Nischenanwendung begeistern wollen. Dass sich Concardis, das letzte Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft und online wie offline eine Macht im Paymentmarkt, noch nicht für das zarte Pflänzchen aus dem eigenen Garten stark macht, wurmt wundert mich. Bleibt also spannend.

Wenn Sie, lieber Leser, positive oder negative Erfahrungen mit Paydirekt gemacht haben, gerne unten in den Kommentaren schildern oder per E-Mail anonym an BargeldlosBlog (at) Gmail (Punkt) com. Wir schützen unsere Quellen. 🙂

Zugabe für den treuen Leser: Am 31. März geht es mit Paydirekt erst richtig los:PaydirektScheudel

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