Lastschrift per Tap&Go

Bei Aldi kann seit 2015 kontaktlos gezahlt werden, seit 2017 auch mit der Girocard. (Foto: Aldi Süd)

Kontaktlose Kartenzahlungen setzen sich auch im deutschen Einzelhandel langsam aber sicher durch. Der Siegeszug der NFC-Technologie wird für Händler, die auf das elektronische Lastschriftverfahren (ELV) setzten, jedoch auf Sicht zum Kostenthema. Sie wollen das berührungslose Bezahlen auch per Lastschriftverfahren abwickeln – am liebsten mit der gleichen Usability wie bei Kreditkarten und Girocard – ohne Unterschrift per „Tap &Go“.

Wer einmal damit angefangen hat, kommt nicht mehr davon los. Kontaktlose Kartenzahlungen per „Tap&Go“ werden für Kunden und Kassenpersonal nun auch in Deutschland schnell zur Selbstverständlichkeit. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, dass die neuen Girocards (früher: „EC-Karte“) nicht mehr in das Lesegerät gesteckt werden müssen, bleibt dem berührungslosen Bezahlen treu. Das können die Zahlungsdienstleister aus den Daten der Kartenhistorie nachverfolgen.

Derweil wird die „Near Field Communication“-Technologie (NFC) auch hierzulande in Handel und Gastronomie zum Standard. Kaufland, Fressnapf und McDonald´s sprangen jüngst auf den Zug auf. Aldi, dm, Douglas, Lidl, Rewe, Rossmann und viele andere sind schon länger mit von der Partie. 460.000 von insgesamt 816.000 Kartenterminals können „Girocard kontaktlos“ akzeptieren – ein Jahr nachdem endlich auch die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) ihr Kartensystem fit für kontaktlose Zahlungen gemacht hat und ihren wunderlichen Sonderweg „Girogo“ faktisch beendet hat. (BTW: 600.000 Terminals sind grundsätzlich mit der NFC-Technologie ausgestattet.)

Anteil der kontaktlosen Girocard-Zahlungen liegt bei 5 Prozent.

Zwar hinkt die DK mit der Ausgabe von NFC-fähigen Zahlkarten anderen Ländern noch immer deutlich hinterher. Doch obwohl bis Ende 2017 nur rund ein Drittel der gut 100 Millionen im Umlauf befindlichen Girocards mit der Nahfunk-Technologie ausgestattet waren, lag der Anteil der kontaktlosen Kartenzahlungen bei den Sparkassen sowie den Volks- und Raiffeisenbanken im vergangenen Jahr schon bei jeweils 5 Prozent der Transaktionen, wie EURO Kartensysteme mitteilt.

ELV: Trotz doppelter Gebühren-Regulierung nicht tot zu kriegen.

Der Handel sieht den allmählichen Siegeszug des berührungslosen Bezahlens mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Kartenzahlungen im Vorbeigehen beschleunigen den Kassendurchlauf, verlängern die Lebensdauer der Terminals und verdrängen das unliebsame Bargeld auch im Kleinbetragsbereich zunehmend.

Für Händler, die bei der Kartenakzeptanz jedoch nach wie vor auf das kostengünstige Lastschriftverfahren (ELV) setzen, hat die Entwicklung aber auch einen Haken: „Jede kontaktlose Zahlung kostet uns Girocard-Gebühren und ist damit deutlich teuer als eine ELV-Transaktion“, sagt der Zahlungsexperte eines Handelsunternehmens, der nicht namentlich zitiert werden möchte.

ELV trotz Regulierung günstiger als Girocard

Auch nach der doppelten Regulierung der Kartengebühren durch Kartellamt und EU-Interchange-Verordnung sind Kartenzahlungen mit Unterschrift und Lastschrifteinzug für den Handel immer noch wesentlich günstiger als die Girocard-Entgelte. Nach Zahlen des EHI Retail Institutes verlangen die Banken im Durchschnitt 0,18 Prozent vom Umsatz für das Girocard-Verfahren. Zwar machen insbesondere die Sparkassen großen Händlern nach Informationen von BargeldlosBlog aktuell gute Preisangebote für den Wechsel zur reinen Girocard-Akzeptanz (-> siehe Kaufland). Doch die Mischung aus Girocard- und ELV-Akzeptanz ist immer noch sehr wettbewerbsfähig. Für ELV-Transaktionen zahlen Großkunden an ihre Zahlungsdienstleister dem Vernehmen nach einstellige Centbeträge pro Transaktion – unabhängig vom Umsatz. Eine Differenz, die sich schnell zu schmerzhaften Ertragseinbußen summiert.

Händler halten ELV für unverzichtbar. (Quelle: EHI-Umfrage)

Auf Sicht kommt für die Lastschrift-Fans erschwerend hinzu, dass die kontaktlosen Girocard-Zahlungen ELV nicht nur im Kleinbetragsbereich verdrängen. Auch bei Beträgen oberhalb der Grenze von 25 Euro, ab der eine Autorisierung per PIN erforderlich wird, nutzen Kunden und Kassierer immer häufiger das berührungslose Bezahlen. In Ländern, in denen das kontaktlose Zahlen schon etablierter ist, kann man dies gut beobachten. Auf jeder italienischen Skihütte hinter den sieben Bergen wird nur noch getappt nicht mehr geswipet, sprich: gesteckt oder gezogen. Die NFC-Technologie wird daher zur Bedrohung für das im Handel nach wie vor beliebte, weil kostengünstige ELV-Verfahren.

Viele Händler drängen daher darauf, auch kontaktlose Kartenzahlungen per Lastschrift abwickeln zu können. „Die EC-Cash-Netzbetreiber sind derzeit dabei, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um kontaktlose Kartentransaktionen auch auf Basis des ELV-Verfahrens anzubieten“, sagte Jörg Stahl, Sprecher des Bundesverbandes der EC-Cash-Netzbetreiber, gegenüber der Lebensmittel Zeitung (LZ). „Unser Ziel ist es, für die Kunden und das Kassenpersonal immer den gleichen Ablauf beim Zahlvorgang sicherzustellen.“

Ernsting´s Family setzt „ELV kontaktlos“ bereits ein

EuroELV kontaktlos: Bei Ernsting´s Family noch per „Tap&Sign“.

Bei Ernsting`s Family etwa ist man schon so weit. In den Filialen der Textilhändler werden Girocard-Zahlungen per Nahfunk über das ELV-Verfahren abgewickelt. Allerdings muss der Kunde die Zahlung derzeit noch per Unterschrift auf dem Kartenterminal autorisieren. Das Unternehmen will sich auf Anfrage nicht äußern; der Kassenbon gibt jedoch Auskunft über das eingesetzte Verfahren. Mit der Notwendigkeit der Unterschrift geht der Zeit- und Bequemlichkeitsvorteil von „Tap&Go“ natürlich verloren – auch wenn man bei Ernsting`s Family smart direkt auf dem Terminal unterzeichnen kann.

Nach Angaben des Zahlungsdienstleisters Ingenico Payment Services sind auch andere Händler bereits mit kontaktlosen ELV-Zahlungen unterwegs: „OLV/kontaktlos ist in unserem Netzbetrieb verfügbar und bei diversen Handelsketten in der Pilotierung oder bereits im Einsatz“, sagt Markus Weber, Geschäftsführer der Ingenico Group. „Die Einführung verlief für Händler, das Kassenpersonal und die Kartenzahler unbemerkt“, berichtet Weber gegenüber der Lebensmittel Zeitung (LZ).

Lastschrift auch ohne Unterschrift

Im nächsten Schritt soll die kontaktlose Kartenzahlung im ELV-Verfahren auch ohne Unterschrift erfolgen können. Dies erfordert allerdings eine zusätzliche Sicherheitsüberprüfung der Karten – nicht nur, weil solche Lastschriften 13 Monate lang zurückgerufen werden können. Auch für verlorene oder gestohlene Karten muss gewährleistet sein, dass diese keine freie Bahn an der Kasse haben und bei Bedarf PIN oder Unterschrift verlangt wird. An der Umsetzung solcher Sicherheitschecks im Vorbeiflug arbeiten viele EC-Cash-Netzbetreiber derzeit noch.

Unterschrift auf dem Terminal: Die Schriftgröße entspricht nicht ganz der LMIV.

Abgesehen von den technischen Herausforderungen, ist das Vorhaben nicht ohne Brisanz für Handel und Dienstleister. Schon zu den regulären NFC-Zahlungen im offiziellen Girocard-Verfahren der Deutschen Kreditwirtschaft bzw. sämtlicher Kreditkartenorganisationen gibt es in der technikkritischen (und skandalisierungsfreudigen) deutschen Medienlandschaft immer mal wieder aufgeschreckte Beiträge über angebliche Sicherheitsgefahren der NFC-Technologie. Getreu dem Motto: Die Kartendaten könnten in der U-Bahn, Bäckerschlange oder sonst wo abgefunkt und missbraucht werden. Auf jeder Party kann man von den Auswirkungen solcher Berichte hören („Alufolie soll dagegen helfen“). Ein zusätzliches kontaktloses Kartenzahlungsverfahren – von dem ohnehin noch nie jemand gehört hat – wird in diesem Umfeld nicht zwangsläufig auf Begeisterung stoßen.

Auch nicht ohne: Eine Lastschrift ohne Unterschrift ist natürlich formal betrachtet nicht korrekt nach SEPA-VO mandatiert. Im E-Commerce hat das freilich auch noch nie jemand wirklich interessiert und die Praxis der unterschriftslosen elektronischen SEPA-Lastschrift hat durch die Bundesbank seinerzeit sozusagen höchste Weihen erhalten. Die BaFin hält seit dem Machtwort aus der Zentralbank jedenfalls die Füße still. Allerdings könnten sich die Banken weigern, „unsaubere Lastschriften“ anzunehmen und abzuwickeln, wenn sie zu einem Massenphänomen werden. Es wäre ein Hebel gegen den Feind auf der eigenen Karte, geliebt haben die Banken ELV schließlich nie.

Aber das hat Handel und EC-Cash-Netzbetreiber auch noch nie interessiert. Zur Not hat man das Bundeskartellamt auf seiner Seite. Die Bonner Wettbewerbsbehörde hat bislang stets ihre schützende Hand über die „outside option“ ELV gehalten.

Spätestens bis Ende 2019, so ist im Markt zu hören, parallel zur Einführung des neuen Betriebssystems „DC POS 3.0“ für die NFC-Terminals im Girocard-Betrieb, soll auch „Tap&Go“ im Lastschriftverfahren zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Wer glaubt, dass bis dahin ohnehin alle mit ihrem Smartphone zahlen, sollte vielleicht häufiger auf Partys gehen und mal die Payment Bubble verlassen. 🙂

Dieser Artikel erschien zuerst in der Lebensmittel Zeitung (LZ 21-18) und wurde etwas angereicht und nachgewürzt.

Lesetipps:

Zur aktuellen Konsolidierungswelle bei den EC-Cash-Netzbetreiber, PSPs und Acquirern gibt Rudolf Linsenbarth unter dem Titel „Last Man Standing“ einen guten Überblick im IT-Finanzmagazin.

Unbedingt lesenswert dazu auch „Die endgültige Verabschiedung vom Deutschen Payment Champion“ auf „Payment and Banking“ von Jochen Siegert und Kilian Thalhammer. „Eine weitere Chance vertan einen Deutschen Payment Champion zu formen?“, fragen die beiden Payment-Experten.

Der Tweet von Marcus W. Mosen zur Gretchen-Frage von Payment and Banking.

Zur „Zwangsheirat“ von Google und PayPal hat Kilian Thalhammer auf Payment and Banking ein paar interessante Überlegungen formuliert.

Über den Start von Google Pay mit der Commerzbank in Deutschland Ende Juni dieses Jahres berichtet das Handelsblatt.

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Ich wette übrigens, dass sämtliche Kartenzahlungen in Europa derzeit nicht DSGVO-konform stattfinden – allein schon, weil die entsprechenden Datenschutzerklärungen am POS fehlen. Aber das ist eine andere Geschichte…

7 Gedanken zu „Lastschrift per Tap&Go

  1. „Doch obwohl bis Ende 2017 nur rund ein Drittel der gut 100 Millionen im Umlauf befindlichen Girocards mit der Nahfunk-Technologie ausgestattet waren, lag der Anteil der kontaktlosen Kartenzahlungen bei den Sparkassen sowie den Volks- und Raiffeisenbanken im vergangenen Jahr schon bei jeweils 5 Prozent der Transaktionen, wie EURO Kartensysteme mitteilt.“

    Ergo: 75% aller Girocard-Inhaber mit Funkchip benutzen die Technik nicht. Klingt nicht nach einem riesigen Erfolg.

  2. Pingback: Girocard kontaktlos - Seite 169

  3. Pingback: Datenschutz-Grundverordnung DGSVO vs. Schufa (und andere Boni-Auskunftsdateien)

  4. Ich sehe ELV sehr kritisch, man unterschreibt jedes Mal einen Vertrag ohne ihn zu lesen.
    Denn wer hat schon Zeit sich den 10km langen Zettel durchzulesen den man da unterschreibt…

    Eigentlich müsste man sich die Zeit nehmen – das Personal und die folgenden Kunden werden sich freuen.

    Ich würde mich freuen wenn man einen Sperrvermerk auf der Karte einrichten kann und dann automatisch auf Giro, vpay oder Maestro gewechselt wird.
    Gut das ich meine N26 Debit habe, die unterstützt weder ELV noch Girocard da klappts dann auch mit der PIN Zahlung bei Penny 😉

  5. Die Lastschrift macht durchaus Sinn für viele Händler als Ergänzung des Zahlungsmittelportfolios und bietet auch diverse Vorteile aber ich bezweifle, dass die Lastschrift – wenn sie sicher sein soll – (viel) günstiger ist als die Zahlung mit Girocard.

    Zumal auch dann noch das Risiko eines ungültigen Lastschriftmandats und von Rücklastschriften besteht.

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