Der VfB Stuttgart sagt NFC ade

VfB-Fankarte

Die VfB-Fankarte hatte wenig Fans unter den Fans.

Im „War on Cash“ steht es 0:1. Das erste große NFC-Pilotprojekt in Deutschland ist gescheitert: Der VfB Stuttgart kickt die Bezahlfunktion von seiner Fankarte. Für die kommende Saison wurde ein erfahrener, altbekannter Spieler verpflichtet. Bargeld lacht…

Hohe Kundenfrequenz, kleine Zahlbeträge – der Wurst- und Bierverkauf im Fußballstadion sollte das ideale Spielfeld für kontaktlose Kartenzahlungen sein. Einleuchtend daher, dass der erste ernsthafte Praxistest für die Near-Field-Communication-Technologie in Deutschland in einem Stadion angepfiffen wurde. Die Zukunft der bargeldlosen Zahlung sollte zum Rückrundenstart 2009 in der Mercedes-Benz-Arena des VfB Stuttgart beginnen.

Der EC-Cash-Netzbetreiber B+S Card Service (Sparkassen-Finanzgruppe), die BW Bank (Sparkassen-Finanzgruppe) und Mastercard realisierten für den Verein die VfB-Fankarte mit kontaktloser Bezahlfunktion und stellten die Infrastruktur für Aufladestationen und NFC-fähige Kartenterminals im Stadion bereit.

Das Projekt wurde auf dem EHI Kartenkongress, dem alljährlichen Hochamt der Branche, und der Cebit 2009 vorgestellt und fehlte fortan in keiner Powerpoint-Präsentation zum Thema „Zukunft der Kartenzahlung“ als eines der NFC-Leuchtturm-Projekte hierzulande. Zuvor hatte Mastercard mangels NFC-Karten in der Bargeldrepublik Deutschland lediglich bei Mayer`s Brezel am Frankfurter Flughafen ein paar NFC-Terminals vorzuweisen – am internationalen Abfluggate. Visa ließ sich mit der Nahfunkbereichs-Technologie ohnehin Zeit, die „Non-Profit-Organisation“ hatte mit SECCOS-Chips und der V-Pay-Akzeptanz im Land der Girocard erstmal genug POS-Projekte am Hals.

Schneller Kassendurchlauf, mehr Umsätze

Die VfB-Fankarte sollte das schnelle und bequeme Bezahlen der Stadionwurst per Tiki Taka Tap&Go ermöglichen und zugleich als Mastercard-Prepaidkarte auch außerhalb der Arena universell einsetzbar sein. Der Stadioncaterer spart sich das teure und aufwendige Bargeldhandling, der Kassendurchlauf beschleunigt sich und ermöglicht so zusätzliche Umsätze, so die Versprechungen. Die Initiatoren nahmen viel Geld in die Hand und erhofften sich einen bahnbrechenden Erfolg.

Der kontaktlosen Kartenzahlung per Near Field Communication (NFC) soll die Zukunft gehören, heißt es auch heute noch von den Kreditkartenbrands, den Zahlungsdienstleistern und auch der deutschen Kreditwirtschaft, die mit girogo und der „Girocard kontaktlos“ für ihre Debitkarte ebenfalls auf den internationalen NFC-Standard setzt.

Sicher, schnell, kostengünstig, ohne Mobilfunk- und WLAN-Netz überall verfügbar, soll das Bezahlen per Karte im Vorbeigehen ohne PIN-Eingabe und sonstigen Schnick-Schnack für den Kunden bequem, einfach und daher unwiderstehlich sein.

NFC gehört als Brückentechnologie die Zukunft

Zudem gilt die NFC-Technik der etablierten Kreditwirtschaft als Brückentechnologie für mobile Payment, aufgrund der genannten Vorteile und, weil das Trägermedium – Karte, Schlüsselbund oder Handy – für den NFC-Chip letztlich nahezu bedeutungslos ist. „NFC ist die Basis für mPayment. Alle Versuche und Ansätze mit Remote am POS führten nirgendwo zum Erfolg“, sagte beispielsweise Pawel Rychlinsky, General Manager Germany von Mastercard, vergangene Woche auf dem Kartenforum in Frankfurt am Main. Und Visa stimmte zur Jahrespressekonferenz kürzlich erwartungsgemäß ebenfalls das hohe Lied auf die kontaktlose Bezahltechnik an. 31.000 NFC-fähige Terminals soll es in Deutschland bereits geben, meldete der ADAC die Kartenorganisation.

Pustekuchen und Wunschdenken – NFC spielt im deutschen Markt sechs Jahre nach dem Startschuss noch nicht mal in der Kreisklasse, von einer Breitensportart ist man weit entfernt. Die Stuttgarter Fans jedenfalls jubeln im Fan-Forum, dass sie nun endlich wieder mit Bargeld bezahlen können und die verhasste Karte ins Abseits gestellt wurde.

Der VfB kickt die Bezahlfunktion, die Fans wollen Bares

Groß im Spiel: Fankarten mit NFC.

Stadionkarten mit NFC-Funktion: 2:0 für Girogo

Ab der kommenden Saison wird die Fankarte keine Bezahlfunktion mehr besitzen. Der Verein formuliert dies in einer Pressemitteilung von Ende Dezember freilich etwas positiver: „Ab der Saison 2014/2015 wird es zusätzlich möglich sein, in der Mercedes-Benz-Arena neben der VfB-Fankarte auch per ec-Karte, mit weiteren Kreditkarten sowie mit Bargeld zu bezahlen“.

Anders gesagt: Im Ländle kehrt man zum Bargeld zurück. Die Ladestationen werden abgebaut, die Prepaidkarte war ein Flop. Neue Karten werden ab der nächsten Saison nicht mehr ausgegeben. Bargeld lacht und triumphiert.

Nun kann man einwenden, dass die VfB-Fankarte eben eine zusätzliche Karte war, die bekanntlich keiner im Portemonnaie haben möchte. Die Stadionkarten in Mainz, Bayer Leverkusen und künftig Hertha BSC (was wird eigentlich aus dem Projekt?) auf Basis der girogo-Funktion der Girocard (früher EC-Karte) ist da etwas ganz anderes, weil sie stets und überall ohne Aufladen einsetzbar – ach nee, die muss ich ja auch aufladen. Soviel Mühe wollen sich die Leute aber offenbar gar nicht machen, um Bezahlen zu können. Das dürfte die Geschichte der Geldkarte deutlich gezeigt haben.

Der Fall Stuttgart zeigt: Ein Selbstläufer ist NFC offenbar nicht einmal dann, wenn die Infrastruktur steht. Die Wunderwaffe im Kampf gegen Bargeld hat zumindest Ladehemmungen und könnte sich sogar noch als Rohrkrepierer erweisen. (Ja, ich weiß, in England und Polen, wird angeblich nur noch kontaktlos bezahlt.)

Was ist der Schluss aus dem Heimspiel-Debakel in Stuttgart? „NFC = Not for Commerce“? Diesen Spott hört man inzwischen immer öfter und immer häufiger ist von neuen „Leuchtturm“-Projekten die Rede, gemeint ist dann allerdings nicht der nächste NFC-Pilot, sondern die Beacon-Übertragungstechnik. Auch wenn sich die Meldung von der ersten deutschen iBeacon-Praxisanwendung bei der Drogeriekette Budnikowsky (zunächst) als Ente erwies.

Die spannende Frage lautet nun wohl: Macht Bluetooth Low Energy (BLE) das Spiel, bevor die NFC-Technologie ihre Mannschaft (Karten und Terminals) überhaupt auf den Rasen bekommen hat? Oder spielen die beiden Player in anderen Stadien bzw. verschiedene Ligen Sportarten?

In den USA unkte man angeblich schon vor Jahren: „Der Handel setzt auf NFC, solange er es bezahlt kriegt.“ Das Spiel ist offen – und bleibt spannend. Mal sehen, welches Zahlungsmittel beim VfB Stuttgart in der nächsten Saison auf Platz Eins steht. Die Wetten laufen.

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7 Gedanken zu „Der VfB Stuttgart sagt NFC ade

    • Spannend!
      Im Artikel unten steht was von Budni, Beacons und einer Ente. Ich kann leider auf den ersten Blick keine Infos dazu finden. Wo hast Du die Info her?

      • Am 22.1. meldete dpa, dass Budni iBeacon nach Deutschland bringt, die Meldung wurde von verschiedenen Online-Nachrichtenseiten aufgegriffen. Das Unternehmen dementierte jedoch auf Nachfrage, die Beacon-Funktionalität testen zu wollen (aus Datenschutzbedenken). dpa korrigierte die Meldung später. Bundi hat seit November 2013 eine App zum Punktesammeln. Der Dienstleister Yoints, der die App realisiert hat, führt mit verschiedenen Handelsunternehmen Gespräche über technische Machbarkeiten – dabei ist auch von Beacon die Rede. HTH

  1. Der letzte Stand hinsichtlich NFC-Fan- und Bezahlkarte in Mainz war, dass es technologisch und kaufmännisch funktioniert. Da ich regelmäßig ins Stadion gehe, habe ich keine Beschwerden wie in Stuttgart mitbekommen. Das Aufladen ist bequem und funktioniert. Nach der Prozessumstellung und Einweisung des Personal funktioniert das System. Das ganze Konzept scheint etwas anders als beim VFB gelagert zu sein.
    Was die iBeacons in den USA betrifft werden sie bei Vereinen der MLB (Baseball), dem Super Bowl und mindestens auch bei Macy´s im Handel eingesetzt.

  2. Bargeld BLEIBT !
    Das interessiert doch die meisten Leute garnicht, das ist alles umständlich, und das wird die breite Masse niemals benutzen.
    Und vorallem schlaue Leute sind schon lange aufs REINE Bargeld umgestiegen.

    Ich geh immer bevor ich meine große Einkaufsrunde mit Tanken mache am Automat vorbei, ziehe mir genug Geld raus, und dann zahle ich überall schön anonym…

    Heheheh, wo kein Chip drin ist, kann auch nichts überwacht werdne, hehehehe
    Meine Vorraussage: Bevor das Bargeldlose bezahlen kommt, kräscht das Finanzsystem !

  3. Von wann ist der Artikel nun? Veröffentlicht im Februar 2014 aber im Text steht etwas von Praxis in 2009. Das wäre schon ein großer Unterschied. Generell kann ich nichts nachlesen, dass das Scheitern allein an der NFC-Technologie lag. Ich denke, dass Marketing, Kommunikation und Handling vor Ort wichtigere Kriterien für eine Analyse sind.

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