Fortnite streitet gegen Apple

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Episch: Fortnite nimmt den Kampf gegen die BigTechs Apple und Google auf. (Foto: Fortnite)

Wer den Payment-Prozess kontrolliert, kontrolliert die Wertschöpfungskette. Wer den AppStore kontrolliert, kontrolliert den Payment-Prozess (frei nach George Orwell). Anders gesagt: Was nutzt das schönste datengetriebene Geschäftsmodell, wenn es sich am Ende nicht monetarisieren lässt? Was nutzt die tollste App-Lösung ohne Zugang zum Kunden?

Der aktuelle Streit zwischen dem Fortnite-Betreiber Epic Games und Apple zeigt, welche zentrale Bedeutung das Payment in der digitalen Wirtschaft spielt. Vergesst die „Daten sind das Öl“-Binse, das Payment ist die Pulsader. Die Auseinandersetzung zwischen dem Spieleentwickler und Apple sowie Google hat das Zeug zu einer epischen Schlacht – und er kommt für die beiden BigTechs zur Unzeit.

Ich lese berufsbedingt viele Klageschriften und Urteile. Selten war die Lektüre so unterhaltsam wie bei der am vergangenen Donnerstag in Kalifornien eingereichten Klage „Epic Games Inc. vs. Apple Inc“. Selten habe ich so oft mit dem Kopf genickt und gedacht, „genau, endlich beklagt das mal einer, endlich geht mal jemand gegen die digitale Wegelagerei von Apple vor“. Und selten war das Storytelling, die Litigation PR, so ikonisch und professionell wie bei diesem Streit.

Epic Games schreibt Apples ikonischen „Super Bowl“-Spot fort

Epic Games persifliert in einem Video den legendären „Super Bowl“-Werbespot mit dem Apple 1984 den Macintosh einführte. Apple inszeniert sich in dem von Ridley Scott (Blade Runner, Alien, etc.) gedrehten und vielfach prämierten Spot als David, der gegen den IT-Goliath IBM aufbegehrt und die Massen von der Uniformität der PCs (damals: „Dosen“) und der totalen Kontrolle im Informationszeitalter befreit. IBM ist der böse, graue, alles kontrollierende Große Bruder aus Orwells „1984“.

On January 24th, Apple Computer will introduce Macintosh. And you’ll see why 1984 won’t be like ‚1984‘“

Genüsslich zitiert die Klageschrift von Epic Games in ihrer Einleitung den Apple-Gründer: „Apple’s founder Steve Jobs introduced the first showing of the 1984 advertisement by explaining,’it appears IBM wants it all. Apple is perceived to be the only hope to offer IBM a run for its money . . . . Will Big Blue dominate the entire computer industry? The entire information age? Was George Orwell right about 1984?‘

Fast forward to 2020, and Apple has become what it once railed against: the behemoth seeking to control markets, block competition, and stifle innovation.“ (Ziff. 1)

Zeitgleich mit der Klageerhebung präsentiert Epic Games die Persiflage auf den Spot indem die – nun virtuelle – Heldin ihre Streitaxt buntes Einhorn-Steckenpferd gegen den grauen „Großen Bruder“ mit angebissenem Apfelkopf schleudert. „Join the fight to stop 2000 from become ‚1984‘ – #freefortnite“, lautet die Botschaft an die 450 Millionen-Spielergemeinde von Fortnite. Der gute Orwell dreht sich angesichts dieser Anleihen an seine Dystopie für kommerzielle Interessen vermutlich mehrfach im Grabe um. Gut gemacht ist die Persiflage und das Storytelling zum Rechtsstreit dennoch auf jeden Fall.

Kern des Rechtstreits: Apple nutzt seine Monopolstellung aus

Worum geht´s? Epic Games macht sein Geld unter anderem mit „Dance Moves“ und „digitalen Outfits“, wie es so schön in der Klageschrift heißt. (Ziff 104; Ich kenne mich als Vertreter der Generation Asteroids, Pac-Man und Zaxxon da nicht mehr so aus, da ich das Daddeln nach C&C eingestellt und drei Töchter habe.) Die Fortnite-App ist kostenlos, monetarisiert wird das Spiel, dessen „Dance Moves“ jeder Grundschüler und Fußballer beherrscht, über den virtuellen SchnickSchnack und Klimbim, den die Nutzer mit echtem Geld bezahlen.

In der Klage wirft Epic Games Apple wettbewerbswidriges Verhalten und Ausnutzen einer Monopol-Stellung vor. Zum einen durch die Art und Weise wie Apple technisch und vertraglich kontrolliert, welche Apps über den AppStore auf Smartphones und Tablets gelangen und zum anderen, weil Apple den Payment-Prozess für „In-App-Käufe“ von digitalen Güter monopolisiert.

„Im Gegensatz dazu können Software-Entwickler ihre Produkte auf Apple Computern (Mac oder MacBook) in einem offenen Markt über eine Vielfalt an Geschäften oder als direkten Download von der eigenen Website anbieten, mit einer Vielfalt von Zahlungsmethoden und wettbewerbsfähigen Zahlungsabwicklungsgebühren von durchschnittlich 3 %, 10mal niedriger als die exorbitante 30-Prozent-Gebühr, die Apple für In-App-Käufe auf seinen mobilen Geräten verlangt“, kritisiert die Klageschrift sinngemäß (Ziff. 4).

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Am 13. August bot Fortnite eine eigene, „Epic direct payment“ -Bezahlung in der iOS-App an – und flog aus dem AppStore.

Epic Games stellt die damit die Systemfrage. Es geht um den Zugang zu den beiden „Schlüsselmärkten“, den „iOS App Distribution Market“ und das „iOS In-App Payment Processing“.

Epic hatte vergangenen Donnerstag eine eigene In-App-Zahlungslösung in der Fortnite-App aufgeschaltet und den Nutzern auf diesem Weg kräftige Rabatte angeboten (siehe Screenshot). Eine solche „Kriegserklärung“ gegenüber den übermächtigen BigTechs können sich nicht viele App-Entwickler bzw. Anbieter digitaler Inhalte leisten (siehe auch Netflix, Spontify). Ob es Epic Games kann, ist freilich noch offen. Fortnite flog jedenfalls unverzüglich sowohl bei Apple als auch bei Google aus den AppStores. Daraufhin erfolgte – ebenso unverzüglich – die gut vorbereitete Klageerhebung und die begleitende PR-Kampagne „Apple = böser Großer Bruder, Epic Games = bunte Freiheitskämpferin“.

Epic will für Konsumenten und App-Entwickler streiten

Epic Games betont in der Klage, weder Schadenersatz zu verlangen noch für sich allein zu streiten. Zitat: „Stattdessen strebt Epic eine einstweilige Verfügung an, um einen fairen Wettbewerb in den beiden Schlüsselmärkten zu ermöglichen, die direkt Hundert Millionen von Verbrauchern und Zehntausende, wenn nicht sogar mehr, von Drittanbieter-App-Entwicklern betreffen.“ (Ziff. 6)

Die Ausnutzung von Apples-Monopolstellung bei In-App-Käufen auf iOS-Geräten schränke den Wettbewerb den In-App-Payment-Anbieter ein und verletze die Interessen der App-Entwickler und der Konsumenten, so die Klageschrift. Nur aufgrund der Monopolstellung sei es Apple möglich die 10-fachen Payment-Gebühren im Vergleich mit Zahlungsanbietern wie PayPal. Stripe, Square oder Braintree zu verlangen.

Das von Apple auch im Zusammenhang mit Apple Pay gern bemühte Sicherheitsargument lässt Epic Games nicht gelten. Wenn Apple wirklich die sicherste Payment-Methode biete, werde sich dies ja im Wettbewerb zeigen. Der Markt und die Konsumenten – nicht Apple – sollen entscheiden, welche Zahlungslösung die Beste ist. Im Übrigen lasse Apple ja auch bei In-App-Käufen von physischen Gütern oder Dienstleistungen andere Zahlmethoden zu (Amazon, Uber, Airbnb, etc.). Nur bei In-App-Käufen von digitalen Gütern gelten andere Regeln.

Auch EU-Kommission und US-Kongress nehmen Apple aufs Korn

Der Zaungast wundert sich, warum es so lang dauert, bis sich in dieser Sache mal etwas tut und ein App-Anbieter sich getraut, Apple die Stirn zu bieten bzw. dass die Kartellbehörden oder die Politik einschreiten. (BTW: Wo steckt eigentlich die 10. GWB-Novelle gerade?) Es ist doch absolut augenfällig, dass Apples digitale Wegelagerei – ob im AppStore, bei Apple Pay oder bei In-App-Käufen – kein legitimes Geschäftsmodell sein kann. Epic betont in der Klageschrift die herausragende Bedeutung von Smartphones und Tablets in der digitalen Welt und die damit einhergehende Bedeutung von In-App-Käufen. Es kann doch nicht sein, dass Player wie Apple, da ständig und in aller Zukunft die Hand aufhalten dürfen, nur weil sie den Zugang zum AppStore und damit das Payment kontrollieren?! Wo wäre Microsoft heute, wenn Bill Gates IBM nicht nur für DOS Lizenzgebühren abgetrotzt hätte, sondern auch von jedem anderen Software-Entwickler Gebühren kassiert hätte? Ja, der Vergleich fährt im Rollstuhl, aber er zeigt dennoch, wo es lang geht.

Ähnlich wie im Steuerrecht versagt bislang so gut wie jegliche (kartellrechtliche) Ordnungspolitik, wenn es um die Bändigung der BigTechs geht. Ok, es gibt/gab die Verfahren gegen Amazon, Booking und Facebook. Und es gibt seit Mitte Juni endlich ein Verfahren der EU-Kommission gegen Apple, das in Teilen in eine ähnliche Richtung zielt, wie die privat-rechtliche Klage von Epic Games. Aber wie viele Jahre wird die EU-Kommission diesmal brauchen, bis sie zu einem Bußgeld einer Entscheidung kommt? Worauf hat man denn so lange gewartet? Was macht eigentlich die gegen Google verhängte Rekord-Milliarden-Geldbuße? Ist die rechtskräftig? Überwiesen worden? Haben wir so viel Zeit?

Spannend wird freilich auch die unterschiedliche Bewertung der Rechtsfragen Materie in den USA und in Europa sowie, was der US-Kongress bzw. der nächste US-Präsident zB aus den Erkenntnissen des BigTech-Hearings macht. Auch darauf nimmt die Klageschrift von Epic Games natürlich genüsslich Bezug: „As Representative Hank Johnson aptly summed up at a recent Congressional hearing on technology monopolies:“developers have no choice but to go along with [Apple’s policies] or they must leave the App Store.That’s an enormous amount of power.” (Ziff. 9)

Bislang gilt für App-Entwickler „It is Apple´s way or the highway“, klagt Epic Games (Ziff. 10). Mal sehen, ob der Film für Epic ein Happy End hat.

Update 24.8.2020

Auch WordPress hat Ärger mit Apple wegen der In-App-Bezahlung bekommen. Heise berichtet zu dem zwischenzeitlich wohl wieder beigelegtem Streit. Disclaimer: Dieser Blog wird natürlich mit WordPress betrieben. 🙂

Und Microsoft hat bei Gericht eine Unterstützungserklärung für die Klage von Epic Games eingereicht, wie Phil Spencer, Head of Xbox per Twitter mitteilt.

Update 25.8.2020 Gerichtsentscheidung

Das Gericht hat entschieden: „Apple darf die Unreal Engine nicht sperren – Fortnite schon“, berichtet Golem.de.

Update 2.9.2020 Was meint das Bundeskartellamt zum Fall?

Ob der Streit Epic ./. Apple die Aufmerksamkeit des Bundeskartellamts erlangt habe, wurde Andreas Mundt auf der Jahrespressekonferenz seiner Behörde heute gefragt: „Aufmerksamkeit erregte das bei uns in jedem Fall. Die App-Stores sind ein interessantes Biotop, weil es nur zwei davon gibt“, erwiderte Mundt. „Jeder App-Entwickler muss da durch, das ist schon interessant“. Der Präsident des Bundeskartellamts verwies auf das entsprechende Verfahren der EU-Kommission, betonte jedoch im gleichen Atemzug die parallele Zuständigkeit der nationalen Wettbewerbsbehörden in Europa. Das Kartellamt kann gegen Amazon und Facebook bereits auf respektable Erfolge verweisen. Gegen Amazon (Stichwort: Preisparität) sogar mit internationaler Wirkung, wie Mundt gerne hervorhebt.

2 Gedanken zu „Fortnite streitet gegen Apple

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