Bundesbank tadelt Paydirekt-Banken

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Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele. (Foto: Magrit Jari)

Bundesbankvorstände kennen für gewöhnlich die hohe Kunst der diplomatischen Rede. Ihre Worte fallen schon mal auf die Goldwaage, die kleinste Nuance einer Formulierung kann Märkte erschüttern.

Bemerkenswert daher, was der für Zahlungsverkehr zuständige Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele jüngst in einer Rede über das Onlinezahlverfahren der Deutschen Kreditwirtschaft Paydirekt sagte.

„Die Erfolgsvor­aussetzungen sind im Prinzip gut“, urteilte Thiele zum Paydirekt-Projekt in einer lesenswerten Rede zur Zukunft des Zahlungsverkehrs am vergangenen Mittwoch. „Für die Kunden ist das Verfahren attraktiv, da es verspricht, sicherer als andere zu sein. Paydirekt ist ein kreditwirtschaftliches Verfahren. Banken und Sparkassen unterliegen der Bankenaufsicht“.

Wenn etwas „im Prinzip gut“ ist, dann gibt es zumindest Verbesserungspotenzial und Thiele legt den Finger auch gleich in die erste Wunde: „Für den Handel könnte paydirekt dann attraktiv sein, wenn die Konditionen günstiger sind als die der Konkurrenz“.

„könnte…wenn“. Ein erster Wink mit dem diplomatischen Zaunpfahl. Mir liegen inzwischen die Konditionen der Payment Service Provider aus der Sparkassen-Finanzgruppe vor. Kampfpreise sind das wahrlich nicht, man fühlt sich an Giropay Gründerzeiten erinnert. Damals glaubte man auch, knapp unter den Kreditkartenkonditionen in den Markt eindringen zu können – und ließ Sofortüberweisung.de weit an sich vorbeiziehen. Mittlerweile hat man dort die Lektion gelernt. Thiele wird solche Zahlen und Überlegungen kennen, er hätte sich das „wenn“ erspart, wenn der Hinweis nicht nötig wäre.

Thiele tadelt Tohuwabohu

Damit nicht genug. Der ehemalige Politiker und FDP-Vizefraktionschef weiß um die Notwendigkeit, die Truppen zusammen und auf Linie zu halten. Und auch diesbezüglich sieht er beim Paydirekt-Projekt offenbar Handlungsbedarf:

„Bei ihrem Bemühen um die Einführung von paydirekt erfreut sich die Deutsche Kreditwirtschaft zurzeit einer großen Aufmerksamkeit in den Medien. Jeder ihrer Schritte wird skeptisch beäugt, denn sie kommt spät mit ihren Aktivitäten, und immer wieder kommen Unstimmigkeiten zwischen den Beteiligten zum Vorschein. Mir ist es wichtig zu betonen, dass die deutschen Banken und Sparkassen in diesem Geschäftsfeld ihre Kräfte bündeln und sich konsequent für ein Projekt entscheiden sollten. Sicherlich ist am Markt genug Platz für mehrere Verfahren. Aber eine breite Akzeptanz vor allem im Handel ist eine wichtige Erfolgsvoraussetzung im Zahlungsverkehr.

Und dann teilt Thiele explizit gegen Giropay aus, was bereits das IT-Finanzmagazin thematisierte. Eine sehr überraschende und undiplomatische Einmischung eines Bundesbankvorstands in die inneren Angelegenheiten der Geschäftsbanken. Bei Giropay und Girosolution wird man sich über diese Passage der Rede jedenfalls nicht gefreut haben:

„Der weitere Ausbau nicht gemeinsamer Verfahren [z.B. giropay] könnte daher vom Handel missverstanden werden. Der Handel wäre sicher dankbar für ein starkes Signal, auf welche Zahlungsmethoden er setzen kann, ohne alle paar Monate umschwenken zu müssen.“

Der Onlinehandel hat freilich überhaupt kein Problem mit mehreren Zahlverfahren im Checkout oder mit der Frage, auf welches Angebot er setzen soll. Im Schnitt bietet ein Shop 5,3 Payment-Methoden an, wie das ECC jüngst ermittelte. Interessant ist aber, dass der sicherlich nicht schlecht vernetzte Bundesbankvorstand offenbar ein klares Commitment der gesamten Kreditwirtschaft zu Paydirekt vermisst und für dringlich geboten hält.

Erste Abgesänge in der Presse

Das Manager-Magazin, ebenfalls nicht immer gänzlich uninformiert, stimmt derweil schon mal vorsichtig erste Abgesänge für Paydirekt an („…haben wir schon immer geschrieben“, heißt es dann später zufrieden in der Redaktionstube). „Deutschlands Banken droht die Blamage“, titelt das Blatt in der aktuellen Ausgabe.

Die darin angesprochen Themen (Pricing, Komplexität, falsche Ausflucht angeblicher Kartellamtsvorgaben) sowie die dort angeführten, geheimnisvollen internen Präsentationen der Paydirekt-Projektbeteiligten kennen BargeldlosBlog-Leser freilich schon seit Monaten u.a. aus diesem oder jenem Blogpost. Ein anderes Gewicht hat das Manager-Magazin aufgrund seiner Reichweite derzeit aber dennoch. 🙂

Payment-Experte Maik Klotz bringt es in dem Beitrag auf den Punkt: „Bei Paydirekt haben die Banken fast alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte“, zitiert das Manager-Magazin den @klotzbroken. Ich fürchte, er hat Recht.

Man fragt sich als Außenstehender verwundert, warum die Banken von ihrem schmerzhaften und langwierigen Giropay-Lernprozess nicht etwas in das Paydirekt-Projekt mitgenommen haben. Oder, warum die Kreditwirtschaft ihre gemeinsame Kräfte nicht einfach gleich in Giropay gesteckt hat und stattdessen noch einmal ganz von vorne beginnt – Kinderkrankheiten und grundsätzliche Fehler inklusive.

Paydirekts nächste Raketenstufe

Jetzt kommen die Sparkassen und ePayment-Power von Concardis und anderen Payment Service Provider (PSP), um Paydirekt Rückenwind und eine breitere Kundenbasis zu verschaffen. Aus den PSPs vernimmt man freilich schon seit längerem skeptische Stimmen.

Die Konditionen für die Top200-Onlinehändler sollen individuell verhandelt werden und nicht über Händlerkonzentratoren wie die PSP angebunden werden, so hört man. Dies sei mit dem Kartellamt vereinbart bzw. diesem versprochen worden. Aber die Zahlungsdienstleister wollen auch nicht nur den Lumpensammler abgeben. Susis Online Boutique und Eisen Karls Webshop sind nicht gerade die Key Account-Träume der Vertriebsmannschaft von Concardis, B+S Card Service, Heidelpay, Girosolution und wie sie alle heißen. Volumen macht im Payment Spaß, der Rest macht vor allem Arbeit.

Die Hälfte der Top50-Onlinehändler – so das in Geheimpapieren erklärte Ziel von Paydirekt – mag man mithilfe von günstigen Gebühren gewinnen können. Die „interessanten Gebühren“ werden die jeweiligen Banken vermutlich im Wege von Kickbackzahlungen realisieren (-> siehe Aldi/Lidl Girocard 2005/2006). Für die Payment Service Provider wird das Geschäft damit aber nicht interessanter. Insbesondere nicht, wenn es bei den Einstiegspreisen bleibt, die mir vorliegen.

Derweil hält der Siegeszug aber unvermindert weiter an. Paydirekt konnte im April unter anderem die Webshops Papiertiger.de (!), SebaMed, Feuer-Anzünder und die Solar Pur AG als Partner gewinnen. Die haben so viele Neukunden, da kommt die eigene Homepage gar nicht mehr hinterher, das kann man nur noch auf deren Twitterkanal nachvollziehen. Es läuft also, wie Zunder.

Update: Concardis hat am heutigen Montag (25.4.) nun auch offiziell per Pressemitteilung bekanntgegeben, dass man erster Händlerkonzentrator wird: „Mit dem von uns jetzt umgesetzten Modell des Händlerkonzentrators erleichtern wir Online-Händlern die Nutzung von paydirekt als Zahlungsoption“, so Marcus W. Mosen, CEO von Concardis. Weiter heißt es:

„Im Konzentrator-Modell haben Online-Händler einen zentralen Ansprechpartner. Bisher schließen Händler, die paydirekt als Zahlungsmöglichkeit anbieten wollen, Einzelverträge mit den beteiligten Banken und Sparkassen. Jetzt können sie zentral mit Concardis die Konditionen verhandeln und einen einzigen Vertrag schließen. Dies erleichtert den Anschluss an das Zahlungssystem. „Wir freuen uns, mit einem solch etablierten Partner wie Concardis unser Händlerkonzentratorenmodell an den Markt zu bringen. Händler erhalten damit eine einfache und bequeme Lösung aus einer Hand“, so Dr. Niklas Bartelt, Geschäftsführer der paydirekt GmbH.“

Concardis ist, wie die Euro Kartensystem GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft und im unübersichtlichen ePayment-Markt vermutlich der Marktführer. Jetzt wird es spannend, ob die Vertriebsmannschaft des Eschborner Acquirers seine PS für Paydirekt auf die Straße bringt und uns unqualifizierte Unkenrufer unglaublich ungut aussehen lässt.

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